# 5 Wirkung des Lebenssinn auf die Gesundheit

  Das Konzept des Lebenssinns wurde vor mehr als 70 Jahren in die Psychologie eingeführt. Als Pionier auf diesem Gebiet gilt Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse und der Logotherapie. Er stellte den Sinn im Leben in den Mittelpunkt der menschlichen Existenz und nahm an, dass der Mensch nach dem Sinn im Leben sucht. Dabei sah er die Erfahrung von Sinn als eine einzigartige menschliche Kompetenz und Ressource an, die sich positiv auf Faktoren des menschlichen Wohlbefindens auswirken kann. Frankl, der den Holocaust überlebt hat, ging davon aus, dass Sinn im Leben die Widerstandsfähigkeit gegenüber traumatischen Ereignissen fördert. Sein Buch „Man’s search for meaning“ veranschaulicht die entscheidende Rolle des Lebenssinns für das psychische und körperliche Wohlbefinden von Gefangenen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten (Frankl, 1946/1959). Demnach kann der bestehende Lebenssinn eine schützende Ressource sein, die die negativen Auswirkungen von unangenehmen Erfahrungen auf das Wohlbefinden abschwächt (Frankl, 1995). Ein starkes Gefühl für den Sinn im Leben kann eine spezifische Verletzung von Überzeugungen oder Zielen relativieren, so dass die Verletzung nicht mehr so unangenehm ist. Aus Frankls Perspektive kann sich das Individuum „über die Leiden des Augenblicks erheben“ (Frankl 1946/1959, S. 95).   Lebenssinn fördert Ihre individuelle Resilienz Basierend auf Frankl’s Annahme konnte Wong (Wong 1998a; Wong 1998b) nachweisen, dass das Vorhandensein von Lebenssinn zum einen eine wesentliche Voraussetzung für psychische Gesundheit und persönliches Wachstum ist. Und zum anderen eine wichtige Moderatorvariable bezüglich Copingstrategien und Stressresilienz. Aktuelle Studien zeigen: Lebenssinn steht in einem umgekehrten Verhältnis zu allgemeiner psychischer Belastung, Angst und Depression (Steger, Oishi & Kashdan, 2009) Lebenssinn beeinflusst die Beziehung zwischen Trauma-Intensität und PTBS-Symptomen (Haynes et al., 2017) Lebenssinn spielt eine schützende Rolle bei Suizidgedanken, Suizidversuchen und nicht-suizidalen Selbstverletzungen (Constanza et al., 2020) es besteht ein umgekehrter Zusammenhang zwischen dem Lebenssinn und negativem Affekt (Eakman, 2014) Lebenssinn ist eine wichtige Moderatorvariable im Hinblick auf Copingstrategie und Widerstandsfähigkeit bei Stress (Owens, Steger, Whitesell & Herrera, 2009)   Zusätzlich zeigen Forschungsarbeiten den Zusammenhang zwischen Sinnerleben undpsychischer Gesundheit: Menschen, die Sinnerfüllung erleben, zeigen sich motivierter, können sich selbst besser aktivieren oder beruhigen und haben eine verbesserte Aufmerksamkeitssteuerung (Damásio, Koller & Schnell, 2013). Außerdem kämpfen Menschen, die ein sinnerfülltes Leben führen, weniger mit psychischen Problemen wie Neurotizismus, Depression und Ängsten (Owens, Steger, Whitesell & Herrera, 2009). Ferner ist der Lebenssinn ein positiver Schlüsselfaktor für die Langlebigkeit und Lebensdauer von Menschen (Martela, Laitinen & Hakulinen, 2024). Was bedeutet dies nun für Sie? Neben der Erkenntnis, das ein bestehender Sinn im Leben die Gesundheit positiv beeinflussen kann, ist auch die essenzielle Rolle des Lebenssinns für ein Gelingen des eigenen Lebens als wissenschaftlich gesichert angesehen (King, Hicks, Krull & Del Gaiso, 2006). Außerdem deuten Studienergebnisse an, dass die Stiftung von Lebenssinn Menschen ermöglichen kann auf Stress und Trauma flexibler zu reagieren (McKnight & Kashdan, 2009). Wenn Sie Ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit Gutes tun möchten, dann kann es wichtig sein, zu ermitteln wie viel Sinn Sie in Ihrem Leben empfinden. Sollten die Testwerte eher geringer ausfallen, dann kann eine genauere Analyse Ihrer Kontrollüberzeugungen und Einstellungen hilfreich sein, um eine nachhaltige Sinnstiftung zu erzielen. Mehr erfahren Sie in den Beiträgen # 1 Innerpsychische Einflussfaktoren auf den Lebenssinn und # 2 Lebenssinn in Psychotherapie & Coaching. Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, dann schicken Sie ihn doch an Freunde und Bekannte!  Bibliografie Costanza, A., Baertschi, M., Richard-Lepouriel, H., Weber, K., Pompili, M., & Canuto, A. (2020). The presence and the search constructs of meaning in life in suicidal patients attending a psychiatric emergency department. Frontiers in psychiatry, 11, 327. Damásio, B. F., Koller, S. H. & Schnell, T. (2013). The Sources of Meaning and Meaning in life questionnaire (SoMe): Psychometric properties and sociodemographic findings in a large Brazilian sample. Acta de Investigación Psicológica 3(3), 1205–1227. Eakman, A. M. (2014). A prospective longitudinal study testing relationships between meaningful activities, basic psychological needs fulfillment, and meaning in life. OTJR: Occupation, Participation, and Health, 34, 93–105. https://doi.org/10.3928/15394492-20140211-01 Frankl, V. (1959). Man’s search for meaning. Washington Square Press. (Originalveröffentlichung 1946). Frankl, V. E. (1995). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk (7. Auflage). München: Piper. Haynes, W. C., Van Tongeren, D. R., Aten, J., Davis, E. B., Davis, D. E., Hook, J. N., Boan, D. & Johnson, T. (2017). The meaning as a buffer hypothesis: Spiritual meaning attenuates the effect of disaster-related resource loss on posttraumatic stress. Psychology of Religion and Spirituality, 9(4), 446–453. https://doi.org/10.1037/rel0000098 King, L. A., Hicks, J. A., Krull, J. L., & Del Gaiso, A. K. (2006). Positive affect and the experience of meaning in life. Journal of Personality and Social Psychology, 90(1), 179–196. https://doi.org/10.1037/0022-3514.90.1.179 Martela, F., Laitinen, E. & Hakulinen, C. (2024). Which predicts longevity better: Satisfaction with life or purpose in life? Psychology and Aging, 39(6), 589–598. https://doi.org/10.1037/pag0000802 McKnight, P. E. & Kashdan, T. B. (2009). Purpose in life as a system that creates and sustains health and well-being: an integrative, testable theory. Review of General Psychology, 13(3), 242-251. https://doi.org/10.1037/a0017152 Steger, M. F., Oishi, S. & Kashdan, T. B. (2009): Meaning in life across the life span: levels and correlates of meaning iin life from emerging adulthood to older adulthood. The Journal of Positive Psychology, 4(1), 43-52. https://doi.org/10.1080/17439760802303127 Owens, G. P., Steger, M. F., Whitesell, A. A. & Herrera, J. C. (2009). Posttraumatic stress disorder, guilt, depression and meaning in life among military veterans. Journal of Traumatic Stress 22(6), 654–657. https://doi.org/10.1002/jts.20460 Wong, P. T. P (1998a). Implicit theories of meaningful life and the development of the personal meaning profile. In P. T. P. Wong & P. S. Fry (Eds.). The human quest for meaning. A handbook of psychological research and clinical applications (pp. 111-140). Mahwah, New Jersey, London: Lawrence Erlbaum Associates Publishers. Wong, P. T. P (1998b). Meaning-centered counseling. In P. T. P. Wong & P. S. Fry (Eds.). The human quest for meaning. A handbook of psychological research and clinical applications (pp. 395-435). Mahwah, New Jersey, London: Lawrence Erlbaum Associates Publishers. Costanza, A., Baertschi, M., Richard-Lepouriel, H., Weber, K., Pompili, M., & Canuto, A. (2020). The presence and the search constructs of meaning in life in suicidal patients attending a psychiatric

# 2 Lebenssinn in Psychotherapie & Coaching

Sollten Sie Ihr Leben weniger sinnhaft empfinden als andere Menschen, kann es hilfreich sein sich mehr mit der Sinnstiftung in Ihrem Leben zu beschäftigen. Denn der Sinn im Leben kann eine wichtige Ressource zum Glücklichsein, für Gesundheit und Resilienz sein. Ob Sie dies für sich allein machen möchten oder in Begleitung, das liegt ganz bei Ihnen. Wenn Sie dies gerne im Rahmen einer Psychotherapie oder eines Coaching machen möchten, wird zu Anfang ein innerer Klärungsprozess zu Ihrem Lebenssinn angestoßen. Dieser kann folgende Punkte enthalten: 1. Reflektion des Lebenssinn und neue Ziele formulieren Nachdem eine Betrachtung des eigenen bestehenden Sinn im Leben vorgenommen wurde, können neue persönliche Ziele im Leben formuliert werden. Bevor diese „lebendig“ werden können, werden die nötigen Fähigkeiten dafür entwickelt. Dabei sind nach Wüsten (2022) beispielhaft zu nennende Inhalte und Methoden des Prozesses: Erkundung der eigenen Ressourcen in sozialen, beruflichen und persönlichen Kontexten Kennenlernen der eigenen Intuition als Quelle der Erfahrung Stärkung der Bereitschaft sich mit persönlichen Zielen und dem Sinn im Leben auseinander zusetzen Vertiefung des Wissens der eigenen Lebensbedeutungen   2. Quantitative Testung des Sinn im Leben und seiner Einflussfaktoren Als nächstes kann es hilfreich sein, im Rahmen einer Testung herauszufinden, ob und mit welcher Ausprägung Sie Sinn im Leben verspüren. Und sollten Sie sich von den Erläuterungen im Beitrag  # 1 Innerpsychische Einflussfaktoren auf den Lebenssinn angesprochen fühlen, könnte auch eine Testung der dysfunktionalen Einstellungen und Kontrollüberzeugungen für Sie erhellend sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten diese innerpsychischen Konstrukte quantitativ zu erfassen. Da bei der Auswahl von psychologischen Tests wichtig ist, dass diese gewisse Gütekriterien erfüllen, stelle ich Ihnen die wichtigsten vor. Im deutschsprachigen Raum stehen verschiedene Tests zur freien Verfügung im Internet um den Sinn im Leben festzustellen. Obwohl diese nicht alle Dimensionen der neuen Definition von Lebenssinn abbilden, können Sie eine erste Antwort auf Ihre Frage sein: Wie sinnhaft erlebe ich mein Leben? Meaning in Life Questionnaire: Dieser Test wurde von einem der führenden Forscher zum Lebenssinn, Michael F. Steger, entwickelt und erfüllt alle Gütekriterien. Er soll den Lebenssinn über die gesamte Bandbreite der menschlichen Lebensführung messen und dauert 3 bis 5 Minuten. Der Fragebogen bewertet zwei Dimensionen des Sinns im Leben anhand von 10 Fragen, die auf einer 7-stufigen-Antwortskala von „absolut wahr“ bis „absolut unwahr“ bewertet werden. Die Subskala „Vorhandensein von Sinn“ misst, inwieweit die befragte Person das Gefühl hat, dass ihr Leben mit Sinn erfüllt ist. Die Subskala „Suche nach Sinn“ erfasst, wie engagiert und motiviert die befragte Person in ihren Bemühungen ist, einen Sinn im Leben zu finden oder ihr Verständnis von Sinn in ihrem Leben zu vertiefen. Die Antworten werden addiert und ergeben je Subskala einen Gesamtwert zwischen 5 und 35, um dann interpretiert zu werden (Steger, 2010).   Purpose in Life Test: Der Test wurde entwickelt, um die wahrgenommene Sinnhaftigkeit im Leben und den Lebenszweck zu beurteilen. Die 20 Fragen verwenden ein 7-stufiges Antwortformat. Es werden die vier Hauptfaktoren Sinnwahrnehmung, Sinnerfahrung, Ziele und Aufgaben sowie Schicksal erfasst und bewertet. Die Antworten werden addiert und ergeben eine Gesamtpunktzahl zwischen 20 und 140. Höhere Punktzahlen bedeuten einen größeren wahrgenommenen Sinn bzw. Zweck im Leben (Crumbaugh und Maholick, 1969).   Sobald Sie bei Ihrem Testergebnis feststellen, dass Ihr wahrgenommener Lebenssinn niedrig ausgeprägt ist, kann eine Testung Ihrer dysfunktionalen Einstellungen und Kontrollüberzeugungen hilfreich sein. Allerdings sollte diese dann von einer geschulten Fachperson vorgenommen werden mit folgenden Tests, damit es bei der Auswertung nicht zu Fehlschlüssen kommt: DAS – Skala dysfunktionaler Einstellungen: Der Fragebogen erfasst die Ausprägung und die Art dysfunktionaler Grundüberzeugungen. Er enthält insgesamt 40 Meinungen, Haltungen, Einstellungen, die in Aussagen formuliert sind und in der Mehrzahl Kontingenzen zwischen Verhaltensmerkmalen und dem Selbstwerterleben formulieren. Es wird ein 7-stufiges Antwortformat von „Totale Zustimmung“ bis „Totale Ablehnung“ verwendet. Der ermittelte Summenwert aller Fragen drückt das Ausmaß an extremen und dysfunktionalen Einstellungen aus. Die Bearbeitungsdauer liegt zwischen 10 bis 15 Minuten. (Hautzinger, Joormann & Keller, 2005).   FKK – Fragebogen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen: Der Fragebogen erfasst Erwartungen der Kompetenz und Kontingenz, die über unterschiedliche Handlungskategorien und Lebenssituationen generalisiert sind. Mit 32 Fragen auf einer 6-stufigen Antwortskala von „sehr richtig“ bis „sehr falsch“ werden die drei Dimensionen von Kontrollüberzeugungen und des generalisierten Selbstkonzepts eigener Fähigkeiten abgebildet. Die internalen Kontrollüberzeugungen stellen eine Zusammenfassung des Selbstkonzepts und der Internalität dar. Hohe Werte deuten auf eine sichere Handlungsplanung und -realisation hin, sowie auf hohes Selbstbewusstsein. Fragen zu Sozial bedingter Externalität und Fatalistischer Externalität stellen die externalen Kontrollüberzeugungen dar. Hohe Werte geben Hinweis auf ein starkes Gefühl der Abhängigkeit des Individuums von äußeren Einflüssen und mächtigeren Anderen, gepaart mit Hilflosigkeit. Die Bearbeitungsdauer des Tests liegt bei ca. 10 bis 20 Minuten (Krampen, 1991).   3. Entwicklung gesunder Einstellungen Nachdem Sie nun wichtige Erkenntnisse gewonnen haben, in welcher Ausprägung dysfunktionale Einstellungen oder Kontrollüberzeugungen bei Ihnen vorliegen, ist es wichtig ein Verständnis dafür zu entwickeln, welchen Einfluss sie auf den von Ihnen wahrgenommenen Sinn im Leben nehmen. Denn bildlich gesprochen, tragen Sie eine Brille mit gefärbten Gläsern, so dass Sie, alles was Sie sehen, danach ordnen, strukturieren und beurteilen. Und die Welt erscheint Ihnen dann getönt in genau dieser „Farbe“. Es kann sich nun anbieten, eine Anpassung bestimmter dysfunktonaler Einstellungen und Kontrollüberzeugungen vorzunehmen um die „Farbe“ zu ändern. An diesem Punkt können die Informationen aus dem Beiträgen # 3 Aus welche Quellen schöpfen wir Sinn im Leben und # 4 Wie der Lebenssinn sich über die Lebensspanne verändert weiterhelfen. Sobald dann gesunde Einstellungen in Ihnen wirken, können Ihre sinnstiftenden Aktivitäten, Projekte und Ziele auf fruchtbaren Boden in Ihnen fallen. Und es kann dazu führen, dass Sie heute mehr Sinn in Ihrem Leben wahrnehmen! Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, dann teilen Sie ihn mit Freunden! Bibliografie Crumbaugh, J. C. & Maholick, L. T. (1969). Purpose in Life Test (PIL). https://doi.org/10.1037/t01175-000Hautzinger, M., Joormann, J. & Keller, F. (2005). DAS – Skala dysfunktionale Einstellungen. Göttingen: Hogrefe.Krampen, G. (1991). FKK – Fragebogen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen. (1. Auflage). Göttingen: Hogrefe.Steger, M. F., Frazier, P., Oishi, S., & Kaler, M. (2006). The Meaning in Life Questionnaire: Assessing the presence of and search for meaning in life.

# 1 Innerpsychische Einflussfaktoren auf den Lebenssinn

Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse meiner Bachelorarbeit zusammen und wird Ihnen aufzeigen, wie dysfunktionale Einstellungen und Kontrollüberzeugungen, die sich beide in der Kindheit ausbilden, den wahrgenommenen Lebenssinn im Erwachsenenalter beeinflussen. Hier erfahren Sie mehr über die innerpsychischen Zusammenhänge und was Sie tun können, um Ihr Leben als sinnhafter zu empfinden. Was ist der Sinn im Leben? In der psychologischen Forschung wird der Lebenssinn definiert als die subjektive Einschätzung der Menschen, dass Ihr Leben von Begreifbarkeit, Bedeutsamkeit und Zielgerichtetheit bzw. Orientierung geprägt ist (George & Park, 2016; Martela & Steger, 2016). Begreifbarkeit bedeutet, dass Sie wahrnehmen, dass das Leben und Ihre Lebenserfahrungen einen Sinn ergeben, die Dinge im Leben verständlich sind und gut zusammenpassen Bedeutsamkeit steht für das Gefühl, dass Ihre Existenz von Bedeutung, Wichtigkeit und Wert in der Welt ist Zielgerichtetheit bzw. Orientierung meint, dass Sie überzeugt sind, Ziele in Ihrem Leben zu haben und diese erfolgreich verfolgen zu können und dadurch erleben Sie ein Gefühl von Richtung in Ihrem Leben   Innerpsychische Zusammenhänge bei der Wahrnehmung von Lebenssinn Aktuelle Forschungen eröffnen eine entwicklungspsychologische Perspektive zum tieferen Sinn im Leben. Demnach berichten junge Erwachsene, die in einem emotional warmen Familienumfeld aufwuchsen, über mehr Sinn im Leben, dabei wird der Effekt durch Einsamkeit vermittelt. Dies deutet daraufhin, dass Personen, die in einem emotional kalten und abweisenden Familienumfeld ihre Kindheit verbrachten, als junge Erwachsene mit dem Sinn im Leben zu kämpfen haben, weil sie sich einsamer fühlen (Dameron & Goeke-Morey, 2023). Ferner können belastende Kindheitserlebnisse das Vorhandensein von Sinn im Leben im Erwachsenenalter negativ beeinflussen (Hope, Womick & King, 2023). Die Betrachtung dieser Erkenntnisse vor dem Hintergrund der Bindungstheorie (Bowlby,1969) und dem Diskrepanzmodell der Einsamkeit (Perlman, 1988), führte zu meiner formulierten Annahme, dass generalisierte Kontrollüberzeugungen einen vermittelten Einfluss nehmen auf den Zusammenhang von dysfunktionalen Einstellungen und dem Vorhandensein von Lebenssinn über die Lebensspanne des Individuums. Mediationsmodell der innerpsychischen Einflussfaktoren auf den Lebenssinn © (Thielitz, 2024)   Die empirische Untersuchung des Mediationsmodells fand im Rahmen einer Online-Umfrage mit drei Fragebögen zum Lebenssinn, den dysfunktionalen Einstellungen und generalisierten Kontrollüberzeugungen mit 244 Personen im Alter zwischen 18 und 85 Jahren statt. Die Ergebnisse geben Hinweis darauf, dass je mehr dysfunktionale Einstellungen eine Person hat, umso geringer ist ihr Sinn im Leben ausgeprägt; je höher die Ausprägung an dysfunktionalen Einstellungen einer Person sind, umso höher ist die Ausprägung an externalen Kontrollüberzeugungen; je höher die Ausprägung von dysfunktionalen Einstellungen bei einer Person sind, umso geringer ist die Ausprägung von internalen Kontrollüberzeugungen. je mehr externale Kontrollüberzeugungen eine Person hat, desto geringer ist der bestehende Lebenssinn; je mehr eine Person über internale Kontrollüberzeugungen verfügt, desto mehr Sinn im Leben empfindet sie; internale und externale Kontrollüberzeugungen haben teilweise eine vermittelnde Rolle auf den Zusammenhang von dysfunktionalen Einstellungen und den bestehenden Lebenssinn über die Lebensspanne Damit scheinen Einstellungen und Überzeugungen, geformt in der Kindheit, eine Grundlage für die erlebte Sinnhaftigkeit im Erwachsenenalter zu bilden, unabhängig von Alter und Geschlecht (Thielitz, 2024).   Aber was sind nun dysfunktionale Einstellungen? Einstellungen werden als Bewertungen von Menschen, sozialen Gruppen und Objekten des sozialen Umfeldes eines Individuums verstanden. Sie können von positiv zu negativ gegenüber dem Einstellungsobjekt variieren. Insbesondere Beck (1967) verweist in seinem kognitiven Modell der Depression auf die zentrale Rolle von negativen Einstellungen, die als starre und negative Annahmen über sich selbst, die Welt und die Zukunft bestehen. Dabei beeinflussen Kernüberzeugungen die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis des Individuums, so dass eine gefärbte Realität entsteht. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung des Individuums von sich selbst und seinen Erfahrungen verzerrt und dysfunktionale Einstellungen, bedingte Annahmen und Regeln können entstehen. Weil diese sich mit Themen rund um Verlusterfahrungen, persönlichem Versagen, Wertlosigkeit, Unzulänglichkeit, Inkompetenz und Minderwertigkeit beschäftigen, ist auch eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls festzustellen (Beck, 1995). Dysfunktionale Einstellungen: strenge und unrealistische Bewertungen, Gesamteinschätzungen einer Person, einer Sache oder einer Situation, wie beispielsweise „Ich bin ein Versager.“ Bedingte Annahmen: Überzeugungen über die Beziehung zwischen Situationen und ihren Folgen als „Wenn-dann“-Aussagen, wie beispielsweise „ Wenn ich nur gut genug bin, dann werde ich geliebt.“ Regeln: spezielle Richtlinien, die das Individuum für sich selbst aufstellt und befolgen muss, um sich in der Welt zurechtzufinden, wie beispielsweise „ Wenn ich immer brav bin, dann passiert mir nichts.“   Nachdem Studien belegen, dass für die Entstehung dysfunktionaler Einstellungen insbesondere frühe Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen, sind beispielhaft zu nennen elterliche Überkontrolle (McCranie & Bass, 1984), wahrgenommene Unsicherheit in der elterlichen Bindung (Hankin, Kassel & Abela, 2005), frühe Misshandlungen und negatives Feedback durch Bezugspersonen (Bruce et al., 2006). Dysfunktionale Einstellungen sind eng mit Eigenschaften verbunden, die vom Bedürfnis nach Anerkennung, Selbstkritik, Perfektionismus und schlechter sozialer Anpassung herrühren (Sheppard & Teasdale, 2000).   Was sind generalisierte Kontrollüberzeugungen? Das Konzept der Kontrollüberzeugungen führte Rotter (1966) im Rahmen seiner sozialen Lerntheorie der Persönlichkeit ein. Die generalisierte Kontrollüberzeugung ist eine dauerhafte Erwartung, die über verschiedene Kontexte besteht. Sie ist verknüpft mit dem Selbstbild, dem Weltwissen und allen Lernerfahrungen des Individuums und erhält darüber eine übergeordnete Funktion für das zielgerichtete Handeln. Das Konstrukt der generalisierten Kontrollüberzeugungen, auch „locus of control“ genannt, bezieht sich bei Rotter (1966) auf die subjektive Vorstellung eines Individuums, ob das Eintreten eines Ereignisses vom eigenen Verhalten abhängig ist, und ob der Ort der Kontrolle im Inneren oder Äußeren des Individuums liegt. Internale Kontrollüberzeugungen beschreiben das Ausmaß an Überzeugungen, dass der Mensch auf die Konsequenzen des eigenen Handelns Einfluss nehmen kann, z.B. mit Leistung oder Anstrengung. Diese Menschen glauben, dass ein Ergebnis von ihrem eigenen Verhalten abhängt, und sie fühlen sich individuell für die Ereignisse verantwortlich, die ihnen wiederfahren. Externale Kontrollüberzeugungen beinhalten die Erwartung, dass das Eintreten einer Verhaltenskonsequenz außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeiten liegt. Diese Menschen glauben, dass Ergebnisse nicht die Folge ihres eigenen Handelns sind, sondern die Folgen von Schicksal, Glück, Zufall und Umwelteinflüssen sowie mächtigeren anderen Menschen. Nachdem Kontrollüberzeugungen Ergebnisse sozialer Lernprozesse darstellen, finden in der Kindheit die größten Veränderungen in der Entwicklung von generalisierten Erwartungen statt (Carton, Ries & Nowicki, 2021). Und Forschungsergebnisse weisen auf die zentrale Position der Eltern hin: eine warme, unterstützende Familienstruktur und autoritative Erziehungsstile stehen in Verbindung mit internalen Kontrollüberzeugungen der Kinder, während eine strenge, kontrollierende Erziehung

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