# 1 Innerpsychische Einflussfaktoren auf den Lebenssinn

Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse meiner Bachelorarbeit zusammen und wird Ihnen aufzeigen, wie dysfunktionale Einstellungen und Kontrollüberzeugungen, die sich beide in der Kindheit ausbilden, den wahrgenommenen Lebenssinn im Erwachsenenalter beeinflussen.

Hier erfahren Sie mehr über die innerpsychischen Zusammenhänge und was Sie tun können, um Ihr Leben als sinnhafter zu empfinden.

Was ist der Sinn im Leben?

In der psychologischen Forschung wird der Lebenssinn definiert als die subjektive Einschätzung der Menschen, dass Ihr Leben von Begreifbarkeit, Bedeutsamkeit und Zielgerichtetheit bzw. Orientierung geprägt ist (George & Park, 2016; Martela & Steger, 2016).

  • Begreifbarkeit bedeutet, dass Sie wahrnehmen, dass das Leben und Ihre Lebenserfahrungen einen Sinn ergeben, die Dinge im Leben verständlich sind und gut zusammenpassen
  • Bedeutsamkeit steht für das Gefühl, dass Ihre Existenz von Bedeutung, Wichtigkeit und Wert in der Welt ist
  • Zielgerichtetheit bzw. Orientierung meint, dass Sie überzeugt sind, Ziele in Ihrem Leben zu haben und diese erfolgreich verfolgen zu können und dadurch erleben Sie ein Gefühl von Richtung in Ihrem Leben
 

Innerpsychische Zusammenhänge bei der Wahrnehmung von Lebenssinn

Aktuelle Forschungen eröffnen eine entwicklungspsychologische Perspektive zum tieferen Sinn im Leben. Demnach berichten junge Erwachsene, die in einem emotional warmen Familienumfeld aufwuchsen, über mehr Sinn im Leben, dabei wird der Effekt durch Einsamkeit vermittelt. Dies deutet daraufhin, dass Personen, die in einem emotional kalten und abweisenden Familienumfeld ihre Kindheit verbrachten, als junge Erwachsene mit dem Sinn im Leben zu kämpfen haben, weil sie sich einsamer fühlen (Dameron & Goeke-Morey, 2023). Ferner können belastende Kindheitserlebnisse das Vorhandensein von Sinn im Leben im Erwachsenenalter negativ beeinflussen (Hope, Womick & King, 2023).

Die Betrachtung dieser Erkenntnisse vor dem Hintergrund der Bindungstheorie (Bowlby,1969) und dem Diskrepanzmodell der Einsamkeit (Perlman, 1988), führte zu meiner formulierten Annahme, dass generalisierte Kontrollüberzeugungen einen vermittelten Einfluss nehmen auf den Zusammenhang von dysfunktionalen Einstellungen und dem Vorhandensein von Lebenssinn über die Lebensspanne des Individuums.

Kognitives Modell zum Lebenssinn ©
Mediationsmodell der innerpsychischen Einflussfaktoren auf den Lebenssinn © (Thielitz, 2024)

 

Die empirische Untersuchung des Mediationsmodells fand im Rahmen einer Online-Umfrage mit drei Fragebögen zum Lebenssinn, den dysfunktionalen Einstellungen und generalisierten Kontrollüberzeugungen mit 244 Personen im Alter zwischen 18 und 85 Jahren statt.

Die Ergebnisse geben Hinweis darauf, dass

  • je mehr dysfunktionale Einstellungen eine Person hat, umso geringer ist ihr Sinn im Leben ausgeprägt;
  • je höher die Ausprägung an dysfunktionalen Einstellungen einer Person sind, umso höher ist die Ausprägung an externalen Kontrollüberzeugungen;
  • je höher die Ausprägung von dysfunktionalen Einstellungen bei einer Person sind, umso geringer ist die Ausprägung von internalen Kontrollüberzeugungen.
  • je mehr externale Kontrollüberzeugungen eine Person hat, desto geringer ist der bestehende Lebenssinn;
  • je mehr eine Person über internale Kontrollüberzeugungen verfügt, desto mehr Sinn im Leben empfindet sie;
  • internale und externale Kontrollüberzeugungen haben teilweise eine vermittelnde Rolle auf den Zusammenhang von dysfunktionalen Einstellungen und den bestehenden Lebenssinn über die Lebensspanne

Damit scheinen Einstellungen und Überzeugungen, geformt in der Kindheit, eine Grundlage für die erlebte Sinnhaftigkeit im Erwachsenenalter zu bilden, unabhängig von Alter und Geschlecht (Thielitz, 2024).

 

Aber was sind nun dysfunktionale Einstellungen?

Einstellungen werden als Bewertungen von Menschen, sozialen Gruppen und Objekten des sozialen Umfeldes eines Individuums verstanden. Sie können von positiv zu negativ gegenüber dem Einstellungsobjekt variieren.

Insbesondere Beck (1967) verweist in seinem kognitiven Modell der Depression auf die zentrale Rolle von negativen Einstellungen, die als starre und negative Annahmen über sich selbst, die Welt und die Zukunft bestehen. Dabei beeinflussen Kernüberzeugungen die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis des Individuums, so dass eine gefärbte Realität entsteht.

Auf diese Weise wird die Wahrnehmung des Individuums von sich selbst und seinen Erfahrungen verzerrt und dysfunktionale Einstellungen, bedingte Annahmen und Regeln können entstehen. Weil diese sich mit Themen rund um Verlusterfahrungen, persönlichem Versagen, Wertlosigkeit, Unzulänglichkeit, Inkompetenz und Minderwertigkeit beschäftigen, ist auch eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls festzustellen (Beck, 1995).

  • Dysfunktionale Einstellungen: strenge und unrealistische Bewertungen, Gesamteinschätzungen einer Person, einer Sache oder einer Situation, wie beispielsweise „Ich bin ein Versager.“
  • Bedingte Annahmen: Überzeugungen über die Beziehung zwischen Situationen und ihren Folgen als „Wenn-dann“-Aussagen, wie beispielsweise „ Wenn ich nur gut genug bin, dann werde ich geliebt.“
  • Regeln: spezielle Richtlinien, die das Individuum für sich selbst aufstellt und befolgen muss, um sich in der Welt zurechtzufinden, wie beispielsweise „ Wenn ich immer brav bin, dann passiert mir nichts.“

 

Nachdem Studien belegen, dass für die Entstehung dysfunktionaler Einstellungen insbesondere frühe Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen, sind beispielhaft zu nennen elterliche Überkontrolle (McCranie & Bass, 1984), wahrgenommene Unsicherheit in der elterlichen Bindung (Hankin, Kassel & Abela, 2005), frühe Misshandlungen und negatives Feedback durch Bezugspersonen (Bruce et al., 2006).

Dysfunktionale Einstellungen sind eng mit Eigenschaften verbunden, die vom Bedürfnis nach Anerkennung, Selbstkritik, Perfektionismus und schlechter sozialer Anpassung herrühren (Sheppard & Teasdale, 2000).

 

Was sind generalisierte Kontrollüberzeugungen?

Das Konzept der Kontrollüberzeugungen führte Rotter (1966) im Rahmen seiner sozialen Lerntheorie der Persönlichkeit ein. Die generalisierte Kontrollüberzeugung ist eine dauerhafte Erwartung, die über verschiedene Kontexte besteht. Sie ist verknüpft mit dem Selbstbild, dem Weltwissen und allen Lernerfahrungen des Individuums und erhält darüber eine übergeordnete Funktion für das zielgerichtete Handeln.

Das Konstrukt der generalisierten Kontrollüberzeugungen, auch „locus of control“ genannt, bezieht sich bei Rotter (1966) auf die subjektive Vorstellung eines Individuums, ob das Eintreten eines Ereignisses vom eigenen Verhalten abhängig ist, und ob der Ort der Kontrolle im Inneren oder Äußeren des Individuums liegt.

  • Internale Kontrollüberzeugungen beschreiben das Ausmaß an Überzeugungen, dass der Mensch auf die Konsequenzen des eigenen Handelns Einfluss nehmen kann, z.B. mit Leistung oder Anstrengung. Diese Menschen glauben, dass ein Ergebnis von ihrem eigenen Verhalten abhängt, und sie fühlen sich individuell für die Ereignisse verantwortlich, die ihnen wiederfahren.
  • Externale Kontrollüberzeugungen beinhalten die Erwartung, dass das Eintreten einer Verhaltenskonsequenz außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeiten liegt. Diese Menschen glauben, dass Ergebnisse nicht die Folge ihres eigenen Handelns sind, sondern die Folgen von Schicksal, Glück, Zufall und Umwelteinflüssen sowie mächtigeren anderen Menschen.

Nachdem Kontrollüberzeugungen Ergebnisse sozialer Lernprozesse darstellen, finden in der Kindheit die größten Veränderungen in der Entwicklung von generalisierten Erwartungen statt (Carton, Ries & Nowicki, 2021).

Und Forschungsergebnisse weisen auf die zentrale Position der Eltern hin: eine warme, unterstützende Familienstruktur und autoritative Erziehungsstile stehen in Verbindung mit internalen Kontrollüberzeugungen der Kinder, während eine strenge, kontrollierende Erziehung mit der Externalität der Kinder assoziiert ist (Wickline, Nowicki, Kincheloe & Osborn, 2011). In Bezug auf die Befähigung von Kindern, hängt ein Überangebot oder ein Mangel des elterlichen Engagements mit der Externalität der Kinder zusammen (Lynch, Hurford & Cole, 2002).

 

Was bedeutet dies jetzt für Sie?

Wir brauchen sinnstiftende Erfahrungen um einen Lebenssinn empfinden zu können. Allerdings ist es auch wichtig die Einflussfaktoren und Zusammenhänge unserer eigenen inneren Bewertungsprozesse zu kennen, damit es zur Wahrnehmung eines erfüllten sinnvollen Leben kommen kann!

Auf Grundlage der vorangegangenen Erläuterungen bedeutet dies: Wenn Sie eine hohe Ausprägung von dysfunktionalen Einstellungen haben, kann es sein, dass Sie einen niedrigeren Lebenssinn wahrnehmen. Dabei können internale Kontrollüberzeugungen diesen Effekt positiv abpuffern, während externale Kontrollüberzeugungen den Effekt negativ verstärken (Thielitz, 2024).

Dies eröffnet neue Ansatzpunkte für die Sinnstiftung: Wenn Sie sich Ihrer dysfunktionalen Einstellungen und Kontrollüberzeugungen bewusst sind, die mittels verschiedener Tests auf einfachem Weg herausgefunden werden können, können Sie diese heute anpassen oder transformieren. Dies kann dazu führen, dass Ihre sinnstiftenden Erfahrungen auf fruchtbareren Boden in Ihnen fallen und Sie mehr Lebenssinn in Zukunft verspüren!

Details zu Ansätzen in der Psychotherapie und der Testmöglichkeiten der dysfunktionalen Einstellungen und Kontrollüberzeugungen finden Sie im Beitrag # 2 Lebenssinn in Psychotherapie & Coaching. Ob es sinnvoll wäre, dass Sie in Ihrem Alltag Aktivitäten verändern um mehr Sinn im Leben wahrzunehmen, erfahren Sie im Beitrag # 3 Aus welchen Quellen schöpfen wir Sinn im Leben? .

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Beck, A. T. (1967). Depression: causes and treatment. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.

Beck, J. S. (1995). Cognitive therapy: basics and beyond. New York: Guildford.

Bruce, A. E., Cole, D. A., Dallaire, D. H., Jacquez, F. M., Pineda, A. Q. & LaGrange, B.(2006). Relations of parenting and negative life events to cognitive diatheses for depression in children. Journal of Abnormal Child Psychology, 34(3), 321–333. https://doi.org/10.1007/s10802-006-9019-x

Carton, S., Ries, M. & Nowicki, S. (2021). Parental antecedents of locus of control of reinforcement: a qualitative review. Frontiers in Psychology, 12. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.565883

Dameron, E. & Goeke-Morey, M. C. (2023). The relationship between meaning in life and the childhood family environment among emerging adults. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(11), 5945. https://doi.org/10.3390/ijerph20115945

George, L. S. & Park, C. L. (2016). Meaning in life as comprehension, purpose and mattering: Toward integration and new research questions. Review of General Psychology, 20 (3), 205–220. https://doi.org/10.1037/gpr0000077

Hankin, B. L., Kassel, J. D. & Abela, J. R. Z. (2005). Adult attachment dimensions and specificity of emotional distress symptoms: prospective investigations of cognitive risk and interpersonal stress generation as mediating mechanism. Personality & Social Psychology Bulletin, 31(1), 136–151. https://doi.org/10.1177/0146167204271324.

Hope, R., Wornick, J. & King, L. A. (2023). Purpose maintained: adverse childhood experience and meaning in life. Journal of Personality, 91(6), 14251441. https://doi.org/10.1111/jopy.12820

Lynch, S., Hurford, D. P. & Cole, A. (2002). Parental enabling attitudes and locus of control of at-risk and honors students. Adolescence, 37(147), 527–549.

Martela, F. & Steger, M. F. (2016). The three meanings of meaning in life: distinguishing coherence, purpose, and significance. The Journal of Positive Psychology, 11(5), 531– 545. https://doi.org/10.1080/17439760.2015.1137623

McCranie, E. W., & Bass, J. D. (1984). Childhood family antecedents of dependency and self-criticism: Implications for depression. Journal of Abnormal Psychology, 93(1), 38. https://. https://doi.org/10.1037/0021-843X.93.1.3

Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs, 80(1), 1–28. https://doi.org/10.1037/h0092976

Shepperd, L. C. & Teasdale, J. D. (2004). How does dysfunctional thinking decrease during recovery from major depression? Journal of Abnormal Psychology, 113(1), 64–71. https://doi.org/10.1037/0021-843X.113.1.64

Thielitz, S. (2024). Die mediierende Rolle von Kontrollüberzeugungen auf den Zusammenhang von dysfunktionalen Einstellungen auf den Lebenssinn über die Lebensspanne. (Unveröffentlichte Bachelorarbeit), PFH Göttingen.

Wickline, V. B., Nowicki, S. Jr., Kincheloe, A. R. & Osborn, A.F. (2011). A longitudinal investigation of the antecedents of locus of control orientation in children. Journal of Educational Psychology, 4(4), 39–52. https://doi.org/10.26634/jpsy.4.4.1418

Sandra Fürstberger

Heilpraktikerin (Psychotherapie)

B.Sc. Psychologie

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